Eine besondere App: Fünf Minuten Deiner Zeit für Wheelmap

Es geht los mit einem Duell, aber eigentlich geht es um eine virtuelle Karte. Und die Frage, wie wir alle fünf Minuten unserer Zeit sinnvoll nutzen können. 

1829, England, Battersea Fields: Dort wo sich heute der Battersea Park befindet, hatten sich der Duke of Wellington und der neunte Earl of Winchilsea am 21. März zu einem Duell getroffen. Der Earl hatte Wellington beleidigt. Und der ihn daraufhin zu einem Duell herausgefordert. Blöd gelaufen, aber die Ehre sollte wiederhergestellt werden. Das ist auch (formell korrekt) passiert – und trotzdem haben beide überlebt. Dazu später.

Mit dieser Geschichte beginnt das Buch The Honor Code: How Moral Revolutions Happen von Kwame Anthony Appiah, Professor für Philosophie in Princeton. Es geht um Ehre (hat man anhand des Titels fast vermutet) und welchen Einfluss sie auf moralische Revolutionen hatte und haben wird. Klar ist: Ein Duell mit möglicher Todesfolge wäre heute, zumindest in unserem Kulturraum, eher ungeeignet um die eigene Ehre nach einer (im Fall das Dukes auch nach heutigen Maßstäben nicht so gravierenden) Beleidigung wiederherzustellen. Und das ist ja auch ein ganz schöner Zustand. Das Buch beantwortet die Frage, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte: Warum es keine Duelle mehr gibt und sie auch kaum Sinn ergeben (im Sinne der Ehre). Und wie und unter welchen Voraussetzungen sich Moralvorstellungen derart gravierend ändern können.

Schon für diesen Buchtipp hatte sich der Vortrag von Lisa Herzog von der Uni Frankfurt gelohnt. Vor einigen Monaten sprach sie in Karlsruhe über veränderte Werte der Generation Y. Ihr Fazit (wie das des Buches übrigens) war spannend: In der Zukunft wird gesellschaftliches Engagement die Regel sein, nicht die Ausnahme. So wie Duelle oder die Sklaverei moralisch nicht mehr tragbar, nicht mehr vorstellbar sind, wird es ebenso wenig „in Ordnung sein“, sich nicht gesellschaftlich zu engagieren. Zukünftige Generationen werden also ähnlich verwundert auf unsere Generation schauen und (wie wir selbst etwa im Fall der Sklaverei tun) die zwingende Frage stellen: Wie konnten sie nur? Oder wie konnten sie eigentlich nicht?

Wenn ich mal mein eigenes soziales Umfeld nehme, dann ist gesellschaftliches Engagement, beispielsweise durch Ehrenämter oder auch regelmäßiges Spenden, eher die Ausnahme. Warum das so ist, dazu kann man sicher Habilitationsschriften verfassen (oder auch Appiahs Buch lesen), aber die Folgen sind ja eindeutig: Stand heute machen nur wenige was für einzelne oder viele. Unsere Generation ist derzeit eher mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Wenn man es nüchtern betrachtet und provokant formuliert, dann ist es uns fast egal, ob es anderen, mit denen wir nicht verwandt oder befreundet sind, gut oder schlecht geht. Klar gibt es da Sinusschwankungen, mit Amplituden zu Weihnachten oder je nach weltweiter Katastrophe; glücklicherweise gibt es die. Regelmäßig macht aber kaum einer was.

Das wäre vielleicht anders, wenn man mit wenig Aufwand oder wenig Geld schon einen Unterschied machen könnte. Spenden sind ja ein bisschen wie Kinder: Den perfekten Zeitpunkt gibt es nie. Und wir alle nehmen uns doch irgendwie vor, wenn wir erstmal das Haus abbezahlt haben, die Kinder (und wir selbst) aus dem Gröbsten raus sind, dann engagieren wir uns finanziell. Wenn es um tatkräftige Mithilfe, dann haben viele wahrscheinlich einfach keine Vorstellung, was sie denn so machen könnten. Oder schlicht keine Zeit.

Ok, fair enough. Doch kann man sich nicht auch mit wenig Geld und wenig Zeit engagieren? Macht ein Euro einen Unterschied? Und was, wenn man sich schon mit fünf Minuten pro Woche durch Hands-on-Hilfe engagieren könnte? Würde das unsere Generation, würde mich das motivieren? Denn um kurz auf Appiahs Buch zu verweisen – Engagement macht uns glücklich, und das haben in den letzten Jahrhunderten auch immer mehr Menschen erkannt:

 

Clearly, morality, in this sense, is an important dimension of ethics: doing what I should for others is part of living well, and one of the distinctive features of the last few centuries has been a growing appreciation of the obligations each of us has to other people.

 

Leider tun wir uns allgemein schwer mit der Vorstellung, dass viele kleine Beiträge einen großen ergeben. Das ist für mein nachfolgendes Plädoyer, dass sich Kleinst-Beiträge, ob finanziell oder tatsächlich, lohnen, eher hinderlich. Aber vielleicht gibt es ja tolle Beispiele, die uns das Gegenteil zeigen und meine These stützen?

Die würde ich gerne finden. So viele wie möglich. Schritt für Schritt. So schwer kann es doch nicht sein. Einige da draußen haben doch sicher einen Masterplan. Und können uns verraten, fünf Minuten unserer Zeit verändern können.

Auftritt Raul Krauthausen an einem Morgen im März – wie die beiden Duellanten. Doch Raul hat leider seine Pistole vergessen, also gehen wir doch einen Kaffee trinken. Raul hatte ich eine Email geschrieben mit meinem Wunsch: Menschen zu treffen, die wissen, was man mit ein paar Euro – vor allem aber mit fünf Minuten seiner Zeit bewirken kann.

Es tut mir fast leid, ihm Zeit zu stehlen. Denn Raul ist Aktivist. Und als solcher ein schlechtes Beispiel für minimales gesellschaftliches Engagement, ich kenne wenige in meinem näheren Freundes- und Bekanntenkreis die so viel für andere tun. In diesem Video erklärt er selbst (besser als ich es könnte), wer er ist und was er tut: Berliner. Glasknochenbesitzer. Aktivist. 

Raul hatte ich getroffen, um mehr über die Wheelmap zu erfahren, ein Projekt das er mal auf dem Barcamp Berlin zusammen mit Holger Dieterich vorgestellt hatte. Um das noch gleich vorweg zu nehmen: Raul ist kein Einzelkämpfer und wäre sicher der letzte, der Wheelmap oder andere Projekte des von ihm gegründeten Vereins Sozialhelden für sich als Einzelleistung in Anspruch nehmen würde. Aber er ist gut darin, die Dinge zu erklären und Vorsitzender der Sozialhelden.

Das Grundprinzip ist schnell erklärt: Wheelmap ist eine Karte zum Suchen und Finden rollstuhlgerechter Orte – mehr als 420.000 sind bereits bewertet. Ganz simpel nach einem Ampelsystem:

Und was meinen Wunsch nach Mini-Unterstützung angeht, ist die Wheelmap tatsächlich ein wunderbares Beispiel: Mit der App kann jeder mitmachen und Orte um sich herum, die er in seiner Stadt oder auf Reisen besucht, bewerten. Man dafür nicht selbst in seiner Mobilität eingeschränkt sein. Das war ehrlich gesagt einer meiner ersten Fragen: Kann ich denn überhaupt bewerten, ob der Ort barrierefrei ist? Ja, sagt Raul. Man kann auch Fotos (zB vom Eingang) hochladen, dann kann sich jeder, der den Ort besuchen möchte, vorab ein Bild machen und abschätzen, wie er mit den Gegebenheiten vor Ort zurechtkommen wird.

Es gibt viel Bedarf für diese Informationen: Denn obwohl Deutschland auf der Wheelmap schon ganz gut erfasst ist, sind immer noch viele Orte grau. Viel zu viele. Gerade außerhalb der Ballungszentren. Unglaublich eigentlich, dass die Map derzeit nur einen Developer hat, der sie weiterentwickeln kann. Unterstützt wird das Projekt zum Beispiel von Immoscout, der Aktion Mensch und FedEx.

So, aber zurück zum Thema: Aktiv werden. Zunächst App runter laden, bitte jetzt machen. Keine Sorge: Die Wheelmap-App gibt neuen Nutzern konkret Hinweise, welche Orte noch erfasst werden müssen. Unter dem Menüpunkt Mithelfen sieht diese nach Entfernung zum eigenen Standpunkt geordnet. Außerdem ist die Webseite exzellent, hier steht alles, was man über das Mappen wissen muss. Auch ein Handout kann man downloaden. 

Am Anfang brauchte ich ein bisschen Eingewöhnungszeit, man muss, wenn man selbst nicht in seiner Mobilität eingeschränkt ist, Orte plötzlich ganz anders betrachten. Und selbst wenn der Ort am Eingang keine Stufen hat: Wie sieht es dann mit der Toilette aus?

Man fängt als Nutzer der App, als Mapper, zwangsläufig an, sich mit den Bedürfnissen und der Lebenswirklichkeit anderer Menschen auseinanderzusetzen. Und stellt fest, wie viel Planung es braucht, wenn man auf Barrierefreiheit angewiesen ist. Darin liegt auch ihre Stärke. Sie ist viel mehr als ein Stadtplan. Raul nennt sie ein Kommunikationstool. Denn wir kommunizieren über Mobilitätsunterschiede,  über Zugangsmöglichkeiten und Schwierigkeiten in unserem Alltag oder dem anderer, nehmen unsere Umwelt neu wahr.

Das Tool und seine Gemeinschaft sind effektiv: Die Fehlerquote liegt bei nur zwei Prozent. Absichtliche Falscheinträge gäbe es kaum, erklärt Raul: „Denn wenn jemand etwas falsch einträgt, dann kann er gar keine Schadenfreude erleben, er ist ja nicht unmittelbar dabei“. Die App ist natürlich kostenlos. Sie basiert auf OpenStreetMap-Daten und lässt auch anonyme Beiträge zu.

Es ist schon Nachmittag in Berlin, unser Zusammentreffen haben wir glücklicherweise beide überlebt, wie auch der Duke und der Earl 185 Jahre vor uns. Schon die ersten Stufen auf dem Weg nach Hause, eine lange Treppe hinunter, bringen mich zum Nachdenken. Und ich sehe: Auch mit Rollstuhl käme ich den Supermarkt beim Büro. Fotos fehlen aber noch, das hole ich morgen gleich nach. Mit ein paar Klicks und einer App, kann man schon unheimlich viel bewirken, wenn möglichst viele mitmachen. Das weiß ich jetzt. Fünf Minuten pro Woche reichen.


Ein kurzer Hinweis zum Schluss: Ich freue mich über Vorschläge, wie man effektiv fünf Minuten seiner Zeit nutzen kann und Kontakte zu Menschen, die mir darüber erzählen möchten. Dabei geht es gar nicht darum, einen oder zwei moralische Zeigefinger zu erheben. Sondern wie schon angedeutet Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man mit kleinen Dingen gemeinsam großes bewirken kann.