Mein 10-Wochen-Test: Die Canon EOS M

Ein klassisches #Firstworldproblem: Welche Kamera soll ich mir kaufen?Diese Frage wird bevorzugt gestellt vor Geburten, langen Reisen oder anderen Ereignissen, die man im Buch des Lebens mit dem Textmarker anstreicht.

Und die Frage ist auch berechtigt: Denn natürlich ist die beste Kamera meist diejenige, die man immer dabei hat (also das Telefon) – aber in vielen Fällen wünscht man sich dann doch bessere Qualität, etwa bei schlechtem oder gar keinem Licht. Dann kauft man eben einen Fotoapparat.

Wie die meisten Menschen, die sich für Fotografie interessieren und begeistern, hab auch ich schon einige Kameras gekauft und ausprobiert; dann wieder verkauft, vielleicht doch ein anderes Modell? Ne, lieber wieder die alte ... und so weiter.  Und dabei auch abertausende Berichte im Internet gelesen und verglichen. Deswegen wollte ich selbst mal einen schreiben.

Schließlich bin ich seit ein paar Wochen (fast) uneingeschränkt glücklich mit meiner Wahl und Kaufentscheidung: Selten habe ich mit einer Kamera so gerne Fotos gemacht wie mit der Canon EOS M. 

Vorab: Ich mag keine richtig teuren Kameras. 500 Euro ist meine Schmerzgrenze. Spätestens seit mir meine Nikon D7000 gestohlen wurde. Außerdem mag ich keine großen Kameras. Denn die würde ich vermutlich nie mitnehmen. Die Nikon blieb viel zu oft zuhause.

Glücklicherweise hat sich der (gefühlt) gesamte Kameramarkt mittlerweile auf Menschen wie mich eingestellt. Da gibt es jetzt zum Beispiel Micro-Four-Thirds, dann die sog. Edelkompakten (ein grausliger Begriff aus der Foto-Berichterstattung), nicht zu vergessen die Bridge-Kameras… ja und schließlich kommen die spiegellosen Systemkameras. Eine solche wollte auch Canon irgendwann auf den Markt bringen. Vorhang auf: Die Canon EOS M.

Die Reaktionen auf diese Kamera waren bei ihrem Erscheinen nicht gemischt: Bis auf eine kleine Handvoll Tester und Über-Kamera-Berichter haben alle die Kamera zerlegt. Der ein oder andere Caonon-Fan rief dann mal zwischendrin, dass die Kamera ja gar nicht so schlecht sei, lobte vielleicht noch die Qualität des Gehäuses. Aber er wurde im Meinungstreibsand letztendlich doch erstickt, im Ergebnis waren sich irgendwie alle einig: Nett gemeint von Canon, aber allein der schlechte Autofokus ist Grund genug, die Kamera für immer zu hassen. 

Dann aber passierten zwei Dinge: Zum einen fiel der Preis für die Canon EOS M von etwa 800 auf mittlerweile ca. 350 Euro. – zum anderen hatte Canon ein Firmware-Update veröffentlicht, das den (zugegebenermaßen ursprünglich nicht wirklich optimalen) Autofokus stark verbesserte.

Seitdem bin ich glücklicher Eigentümer dieser Kamera.  Mit nur einem Objektiv: einem 22mm Pancake. Und würde sie jedem Freund empfehlen. Nein, nicht uneingeschränkt, aber dazu später.

Gehäuse und Haptik = Anfassen

Bei Kameratests gibt es ja drei Kategorien, wenn es um die Größe geht: Hosentasche, Jackentasche, alles andere. In diesem Fall sind wir bei Kategorie Nummer zwei. Meine EOS M mit besagtem Pancake-Objektiv passt in die meisten meiner Jacken, aber in keine der Hosen. Sie ist aber deutlich kleiner als jede Spiegelreflexkamera und es gibt nicht viele Gründe, sie nicht ganz oft dabei zu haben. Mit einer Handschlaufe kann man sie recht unauffällig baumeln lassen (wobei man erwähnen kann, dass Schlaufen und Kameragurte nur über einen weiteren Zwischenring-Dings-Adapter angebracht werden können, Canon hat ein neues System für die Befestigung verwendet).

Die Qualität des Gehäuses macht glücklich. Alles fühlt sich hochwertig an, schöne Oberfläche, viel Metall. Das Objektiv rastet fest und satt ein, nichts wackelt.

Knöpfe gibt es manche, aber die meisten Dinge regelt man über den Touchscreen. Das ist gut und schlecht. Wer vor 20 Jahren oder früher seine erste Kamera gekauft hat, der wird vermutlich schluchzen, gewöhnt sich aber nach einiger Zeit bestimmt an diesen berührungsempfindlichen Bildschirm. Der hat ja auch viele Vorteile. Man wählt beispielsweise seinen Fokusbereich aus wie auf einem Smartphone, einfach auf die Person oder den Gegenstand mit dem Finger, fertig. In der Sonne ist das sub-optimal. Außerdem kann man ihn nicht klappen oder verdrehen. Ich mag das gerne als Feature bei Kameras, weil man zum Beispiel sehr unauffällig von oben auf die tief gehaltene Kamera schielen kann. Folge: Wer auch immer fotografiert wird, der merkt es meist nicht. Anders ist es oft, wenn man ihm die Kamera (wie die M) zwangsweise auf Augenhöhe präsentiert und ihn bittet, kurz zu warten, weil man ja über den Touchscreen noch eben scharfstellen müsse.

Auch auslösen kann man über den Bildschirm. Was mich stört ist die Lupe: Die verwende ich oft bei Videoaufnahmen, um die Schärfe bei manuellen Objektiven zu kontrollieren. Das geht mit einer extra Lupentaste meiner Meinung nach deutlich schneller als über den Bildschirm. Aber damit kann ich leben.

 

Das Objektiv: 22mm, 2:0

Das Pancake ist die einzige Festbrennweite für das Canon-M-System. Über Adapter kann man freilich alles mögliche anschließen, zum Beispiel EOS-Objektive der großen DSLRs von Canon. Aber zumindest bei mir leidet darunter die Autofokusgeschwindigkeit. Ich verwende einen Adapter, um alte Contax-Objektive verwenden zu können. Das klappt gut (für Videos etwa). Aber manuell scharfstellen mit der Lupe (siehe oben)… also bei sich bewegenden Motiven ist das eher nicht zu empfehlen.

Zurück also zum Pancake: Metall, super. Lichtstärke gut, 2,0 als größte Blende. Brennweite ist dann umgerechnet auf Kleinbild bei rund 35mm. Das Objektiv fokussiert mit der Kamera nicht Raketenartig, aber für mich reicht es vollkommen. Wer aber zum Beispiel die Geschwindigkeit einer Olympus OM-D gewöhnt ist, der wird erstmal kurz erschrecken (müssen). Das macht aber nichts. Mit einem 22mm Pancake fotografiert ja auch kein Mensch ein Fußballspiel. Bei schlechtem Licht (für Kenner der Fotografie-Berichterstattung: bei schlechten Lichtverhältnissen) schaffe ich es nicht immer, ein Bild via Autofokus schauzustellen, da pumpt er sich ab und an zu Tode. Aber schlechtes Licht löst bei mir auch nicht automatisch den Reflex aus, sofort ein Foto machen zu müssen. Deswegen kann ich auch damit gut leben. Die meisten Freunde, denen ich die Kamera gezeigt habe, übrigens auch.

 

Mit der Kamera Fotos machen

In der Frankf. Allg. Sonntagszeitung erinnerte ein sehr emotionaler und schöner Nachruf auf Frank Schirrmacher von Sascha Lobo an ein Zitat aus Walter Benjamins Einbahnstraße: Das fertige Werk ist die Totenmaske der Konzeption. Das lässt sich auch sehr gut auf Deutschlands Hobbyfotografen übertragen. Für viele ist der Kamerakauf, der Vergleich tausender Modelle, die Recherche, das eigentliche Ziel. Und wenn die Kamera dann plötzlich da ist. Fuck, dann muss man ja auch Bilder machen (oder eben doch lieber neu recherchieren, geht ehrlicherweise uns allen manchmal so). Hier kommt die Erleichterung: Bilder machen, das kann man mit der EOS M sehr gut. Nein, man erwischt nicht jeden Schnappschuss, der Eichelhäher fliegt auch mal unscharf aus dem Bild, aber die Kamera macht große Freude. 

Schön ist der große Sensor, für Interessierte ein 18-Megapixel CMOS-Sensor im APS C Format. Der lässt es auch recht gut zu, dass man auch bei kurzen Brennweiten (wie etwa beim Pancake) tiefenscharf fotografiert, also ein scharfes Objekt vor einem unscharfen Hintergrund freistellt. Beim Kit-Zoomobjektiv mit max 55.mm (umgerechnet auf KB sind das fast 90mm Brennweite) klappt das vermutlich noch besser, meist wird die M mit dem EF-M 18-55mm 1:3,5-5,6 IS STM Objektiv ausgeliefert.

Wer es besser weiß, der kommentiert bitte, denn ich bin mir nicht sicher: Aber der M-Sensor wird auch in einer der großen EOS-Spiegelreflexkameras verwendet, der 650d )oder war es die 600d?). Mit dieser kann man gut filmen, so auch mit der M. Videos sehen einwandfrei aus, mit Adapter geht eigentlich jeder Objektiv-Hersteller, Walimex hat sogar ein 35mm mit EOS-M-Bajonett im Programm.

Ich versuche, die Kamera wirklich immer mitzunehmen – und dieser Vorsatz lässt sich auch gut einhalten. Ich freue mich jeden Tag darauf, mit ihr Fotos machen zu können.

Pro

  • Großer Sensor, der schöne Bilder produziert
  • Haptik super, Verarbeitung auch
  • Videofunktion: klappt sehr gut, schöne Qualität, mit Adapter sehr flexibel, Full HD, klar
  • mit Pancake ist die Kamera nicht sehr groß, kann man immer mitnehmen
  • Preis: ca. 300 bis 350 Euro (in den USA hatte etwa B&H in NYC das Kit auch mit dem Pancake für ca. 370 USD  im Angebot, das ist dann schon ein Knaller). Bei Amazon derzeit im Kit mit passendem Blitz für rund 330 Euro zu haben. Aber auch der Händler um die Ecke macht sicher ein gutes Angebot und man kann sie vorher ausprobieren. Wo man sie kauft, das muss natürlich jeder selbst entscheiden.

Contra

  • langsamer Autofokus, mit Firmware-Update ok
  • nur wenige Objektive verfügbar ohne Adapter (aber zum Beispiel ein sehr schönes Ultra-Weitwinkel, neuerdings auch ein Tele)
  • Kein klappbares Display, kein Sucher

Mein Fazit

Die EOS M würde ich jedem empfehlen, der eine kleine aber hochqualitative Kamera sucht. Und nicht mehr als 350 Euro dafür ausgeben möchte. Ich liebe sie in Kombination mit dem Pancake und brauche fast keine andere Brennweite. Eine Sony RX 100 ist auch toll, aber das Zoomobjektiv brauche ich eben meist nicht, wie gerade erwähnt. Eine Stylus 1 von Olympus überlege ich mir, würde sie aber eher als zusätzliche Alternative sehen – Videos sind damit nicht gerade der Kracher, Sensor ist auch viel kleiner etc. Man könnte ewig so weitermachen, Alternativen aufzählen, recherchieren, Tests lesen, vergleichen... und wäre dann ganz schnell wieder bei der Analyse-Paralyse, wie Raul Krauthausen (vgl. Post zwei vorher) das mal so schön beschrieben hat. Ich würde dann lieber eine EOS M kaufen und Fotos machen. 

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